Erwartungen

Kennt ihr das? Überall um uns herum sind Erwartungen. Erwartungen, die wir erfüllen sollen und Erwartungen, die wir an andere haben. Natürlich kennt ihr das. Jeder tut es. Nun ist es aber so, dass jeder mit diesen Erwartungen anders umgeht. Früher waren mir Erwartungen egal. Schule lief, ohne, dass ich großartig lernen musste. Meine Freunde waren teilweise eine Katastrophe, aber die, die meinen Eltern am meisten missfallen haben, sind heute noch an meiner Seite. Als alle anderen Mädchen anfingen sich schick zu machen, da hab ich mir die langen Haare abgeschnitten und sie schwarz gefärbt (eigentlich blau, aber das war ein schrecklicher Unfall). Später dann blond, pink, grün, rot, lila, braun, orange und wieder lila. Seit mehreren Jahren sind sie wieder natürlich. Straßenköterblond. Alle mögen die langen Haare. Im Sommer schneide ich sie ab und sie werden wieder bunt. Als alle begannen zu sparen um sich eine neue Markenjeans leisten zu können, zerschnitt ich mir meine vom Discounter. Ein paar Modetrends hab ich mitgemacht, aber mich nie wirklich wohl gefühlt. Chucks und Springerstiefel sind nun mal bequemer als Plateauschuhe und High Heels. Einen festen Freund? Bitte ja, aber nur kurz, ist doch langweilig. Als eine der ersten meiner ehemaligen Klasse habe ich dann geheiratet. Getanzt wurde dann in weißen Chucks. Kein Walzer, sonders wildes Rumspringen zu Oi-Musik. Als alle noch ausprobierten, welcher Job zu ihnen passt, habe ich schon studiert und in den Semesterferien in einer Kita gearbeitet um die Erzieher zu entlasten.  Alle möglichen Leute haben in der Vergangenheit immer etwas von mir erwartet und ich habe so oft wie möglich dagegen rebelliert. Manchmal erfolglos, zum Beispiel als ich beschlossen hatte, das Gymnasium zu verlassen um Kellnerin zu werden. Zum Glück hat mein Vater den Ausbildungsvertrag zerrissen. Oftmals erfolgreich, zum Beispiel als mein Freund mir nach drei Monaten eröffnete, wie er sich unser Leben vorstellt, heiraten, Kinder, einfache Jobs, kleines Haus. In panischer Angst rannte ich weg. Er ist heute verheiratet, hat drei Kinder und einen soliden Job und redet kein Wort mehr mit mir, wenn ich ihn in der Stadt treffe und grüße. Damals waren Erwartungen teilweise leicht zu umgehen. Mein Vater hat sich damit abgefunden, dass ich keine Anwältin, sondern Sozialarbeiterin geworden bin. Meine ehemaligen Freunde sind extrem verwundert, wenn sie erfahren, wie mein Leben jetzt aussieht und, dass ich ein Haus in meiner Heimatstadt gekauft habe.

Früher konnte ich mit Erwartungen an mich schlecht umgehen. Sie waren mir immer irgendwie zu viel. Eine Zeitlang lief es gut. Der Erwartungsdruck war gering. Doch irgendwann hat er mich einfach wieder eingeholt. Die Beste im Job zu sein. Die perfekte Hochzeit zu haben. Noch besser im neuen Job zu sein. Eine großartige Mutter zu sein. Alles finanzielle regeln zu können. Höhere Erwartungen von allen Seiten und immer höhere eigene Erwartungen an mich selbst. Immer für alle da zu sein. Die Freundin zu sein, die immer ein offenes Ohr für ihre Freunde hat. Die rational denkt, wenn ein Paar sich streitet und so locker eine Trennung verhindert. Die mit allen Problemen umgehen kann und souverän sämtliche steinige Küsten umschifft. Die mal eben nebenbei die Renovierung ihres Hauses plant und sich mit Notaren, Banken und Ämtern herumschlägt. Die ihr ewig schreiendes Baby beruhigt und trotz des Gebrülls noch Kaffee und Kuchen serviert. Die sich mit der Kita anlegt, weil etwas nicht rund läuft und sich mit dem Elternrat anlegt, weil sie nun mal nicht immer und rund um die Ihr Zeit hat. Die versucht alle ihre Fehler zu verstecken. Die fast immer sagt, wenn ihr etwas nicht passt.

Auch meine Tochter bleibt von meinen eigenen Erwartungen und denen der Umwelt nicht verschont. Man will nicht vergleichen und tut es doch. Heute war seit langem endlich wieder ein Moment indem sämtliche Erwartungshaltungen von mir abfielen. Wir waren im Hinterhof und plötzlich stand das Bärchen auf, fing an zu tanzen und ein unverständliches Lied zu singen. Komplett in ihrer eigenen Welt verzaubert drehte sie sich und lachte lauthals. Egal wer auch immer was von ihr will, erwartet und sie bewertet, dieser Moment gehörte nur ihr. Manchmal möchte ich einfach mehr so sein, wie meine Tochter und ich liebe sie auch dafür, dass sie mich Teil dieser unbeschwerten Momente sein lässt.

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