Erziehe ich als Sozialpädagogin oder als Mutter?

Ich glaube der Titel sagt einigermaßen aus, worum es heute in diesem Beitrag gehen wird. Inspiriert hat mich dazu die liebe Wiebke von Verflixter Alltag, die jeden Monat zu einer verflixten Linkparty einlädt, im Monat April geht es um die Sache mit der Erziehung. Lest ruhig hier die anderen Beiträge von BloggerInnen, es sind unglaublich gute und interessante dabei!

Ihr wisst, dass ich Sozialpädagogin bin. Momentan arbeite ich ja eher mit Jugendlichen ab 16 Jahren, zwar haben von denen auch ein paar Kinder, aber es geht in meinen Gesprächen mit ihnen mehr um andere Problematiken. Aber ich habe mal im Jugendamt gearbeitet. Frisch vom Studium, gerade 22 Jahre alt habe ich dort Eltern beraten, informiert, ihnen Hilfe zur Seite gestellt, Umgangsberatung durchgeführt und Eltern auch erzählt, was sie in ihrer Erziehung so falsch machen. Grundlegende Dinge sind dabei eigentlich selbstverständlich, wie, dass ein Kind keine Gewalt erfahren darf, weder physisch noch psychisch. Kinder brauchen Liebe, Anerkennung, Respekt und Regeln.

Ich habe im Studium so viel über Erziehung gelernt, jede Ferien in einer Kita gearbeitet und dort viel praktisch umsetzen können, ich habe alle möglichen Zusatzseminare und Weiterbildungen besucht und war auch bestens über Frühe Hilfen informiert. Und dann bekam ich ein Kind.

Und realisierte, wie toll so vieles in der Theorie klingt. Und wie wenig es teilweise mit der Praxis zu tun hat. Ich versuche mal ein paar Beispiele zu bringen.

Mein Rat: Bleiben Sie ruhig und geduldig.

Realität: Klingt toll, oder? Wenn das so einfach wäre. Ich bin kein besonders geduldiger Mensch, noch nie gewesen. Am letzten Wochenende hat das Bärchen sich in einem Supermarkt auf den Boden geworfen und brüllend um sich geschlagen. Warum? Weil ich das Brötchen, welches sie essen wollte in der Mitte durchgebrochen hatte, damit sie es besser halten kann. Wie konnte ich auch nur. Nun stand ich da, Menschen gingen an mir vorbei, versuchten mit ihr zu reden und mir wurden auch einige Ratschläge gegeben und Blicke zugeworfen. Da ich meine Tochter kenne, wusste ich, dass ich einfach nur abwarten muss, bis sie sich selbst beruhigt hat. Dauerte auch so zehn Minuten, dann war alles wieder gut. Aber diese Ruhe und die Geduld haben mir in diesem Moment extrem viel abverlangt. Ich habe mir die Fingernägel in die Haut gekrallt und krampfhaft gelächelt um das Bärchen nicht anzubrüllen oder sie schreiend und tretend einfach in den Einkaufswagen zu setzen.

Mein Rat: Kaufen sie nicht zu viel Spielzeug.

Realität: Tja. Das jüngste Kind der Familie, viele Freunde und Bekannte, zu viele süße Sachen in den Geschäften und im Internet. Wir haben sehr viel Spielzeug, das muss ich zugeben. Dazu unglaublich viele Bücher, Puzzles und Plüschtiere. Okay, ja auch zuviel. Was soll ich machen? Die meisten Spielzeuge des Bärchens sind in Kisten untergebracht und wir tauschen die Dinge regelmäßig aus, damit sie nicht mit zu vielen Dingen gleichzeitig konfrontiert wird und die Sachen zu schnell langweilig werden.

Mein Rat: Legen Sie Regeln fest.

Realität: Regeln sind wichtig, keine Fragen. Kinder brauchen sie zur Orientierung, um zu lernen und auch um dagegen rebellieren zu können und ihre Grenzen auszutesten. Allerdings hab ich folgendes ganz klar feststellen dürfen: Ausnahmen sind erlaubt, müssen aber Ausnahmen bleiben um nicht zur Regel zu werden. Beispielsweise wollte ich dem Bärchen eigentlich immer nur Wasser zu trinken geben, allerdings ist es in letzter Zeit immer öfter vorgekommen, dass das Bärchen doch mal eine Schorle bekommt, einen Kakao oder (schlagt mich ruhig) ein Trinkpäckchen. Nicht nur, weil andere Kinder zum Beispiel auf einem Geburtstag das bekommen, sondern auch, wenn sie es sich beim Einkaufen aussucht. Oder einfach mal so. Zum größten Teil trinkt sie immer noch Wasser, gerne auch mal mit Sprudel, aber wenn ihr oder uns danach ist, gibt es auch mal was anderes.

Mein Rat: Benutzen Sie keine Schimpfwörter in Gegenwart Ihres Kindes.

Realität: Hier hat sich meine Meinung schon sehr geändert. Ich denke, dass das Tabuisieren von Schimpfwörtern das Ganze nur noch schlimmer macht. Ich benutze nicht ständig Schimpfwörter, aber gerade beim Autofahren habe ich doch eher eine lockere Zunge. Ich versuche nur das Schlimmste einzudämmen, denn was die Kinder sich heutzutage schon in der Kita gegenseitig an den Kopf werfen ist einfach nur unglaublich. F…ze, Hu…sohn, W…er, Sch….el. Im Kindergarten! Mir ist die unglaubliche Anziehungskraft solcher verbotener Wörter durchaus bewusst, aber wer bitte benutzt die denn im Alltag? Irgendwo müssen die Kinder sie doch gehört haben. Zumindestens kann ich sagen, dass mein Kind von mir nur Scheiße und Vollidiot lernen könnte. Nicht gut aber besser als F…ze.

Ich könnte noch unglaublich viele Beispiele bringen. Es gibt diesen schönen Spruch: „Wenn du wissen willst, wie du dein Kind erziehen musst, frag Leute, die keine haben“.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass Tipps zur Erziehung  zu geben wirklich einfacher war, als ich das Bärchen noch nicht hatte. Es gab klare Richtlinien und Empfehlungen. Nicht tausend Möglichkeiten und Varianten, sondern eine klare Linie. Als Mutter fühle ich mich überfordert von den tausenden Erziehungsratgebern, die im Bücherladen rumstehen, von den vielen Meinungen meiner Familie und meinen Freunden, von den Foren im Internet und dann auch noch von meiner eigenen sozialpädagogischen Ansicht und dem damit verbundenen Streben nach Perfektion. Nach diesem Funken Hoffnung, dass es den einen richtigen Weg gibt. Und der Erkenntnis, dass das totaler Quatsch ist.

Habt ihr schon einmal in einem Forum gefragt, wie ihr reagieren sollt, wenn euer Kind euch auf dem Spielplatz dauernd mit Sand beschmeißt? Von sofort nach Hause gehen über ignorieren bis zurückschmeißen ist alles dabei. Alle möglichen Erziehungsstile und Ansichten prallen auf einen ein. Ganz toll.

Was ist denn nun mein Fazit? Erziehe ich rational als Sozialpädagogin oder emotional als Mutter? Beides. Mal so und mal so. Meistens ein Mischmasch aus Herz und Verstand. Nicht perfekt aber natürlich. Und hoffentlich verkorkse ich das Bärchen damit nicht.

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3 Gedanken zu “Erziehe ich als Sozialpädagogin oder als Mutter?

  1. Ein wirklich schöner Beitrag, der sehr selbstkritisch ist und zeigt, wie unterschiedlich die Ansichten sein können und Theorie und Wirklichkeit doch auseinander liegen können.
    Ich habe den Beitrag auf Twitter geteilt, wo er auch gut Zuspruch gefunden hat 😉 Du hast dort nicht zufällig einen Account?
    LG Wiebke

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